Angemeldet?

[CN: Bahn]

Mal wieder von Twitter dazu motiviert worden, einen halbfertigen Beitrag fertigzuschreiben.
Seit einer ganzen Weile pendele ich jetzt mit Rollstuhl. Unter anderem häufig über einen Bahnhof, an dem man ohne Servicekräfte nicht in meinen Zug kommt. Davon gibt es einige Bahnhöfe in Deutschland: Die, in denen die Bahnsteige mit Rollstuhl nur über Gleisübergänge zugänglich sind. Die, in denen einzelne Gleise keinen Personenaufzug haben (Na, wer erkennt ihren_seinen Bahnhof wieder?) oder der betreffende Personenaufzug dauerhaft out of service ist und deshalb ein Lastenaufzug genutzt werden muss. Und die Bahnhöfe, in denen es keine normalen Personen-, sondern nur Lastenaufzüge gibt.

Lastenaufzüge können Bahnkund_innen nicht alleine nutzen. Dazu braucht es einen Schlüssel und Mitarbeiter_innen dürfen die Teile auch nur mit funktionierendem Funkgerät dabei betreten. Das liegt u.a. daran, dass die Lastenaufzüge nicht standardgemäß mit Notrufanlagen ausgestattet sind. Die Lastenaufzüge, die ich bisher benutzen muss-…durfte, waren fast alle so schön, dass ich da alleine gar nicht reingekommen wäre. Tonnenschwere Stahltüren, an denen sich die Servicekräfte einen Bruch zerren können. Und wenn du irgendwo ankommst, ist das immer noch der Betriebsbereich des Bahnhofs. Der ist im Durchschnitt so übersichtlich wie das Labyrinth des Minotauros.
Geheimtipp für unfreiwillige Lastenaufzugs-Tourist_innen: Die Exemplare im Berliner Hauptbahnhof sind cool.

24 Stunden

Bei der Anekdote mit dem annahmeunwilligen Bahnhof hatte ich beschrieben, was man tun muss, um mit Rollstuhl Bahn zu fahren und die gleichen Beförderungsrechte wie andere Fahrgäste zu genießen. Man muss sich anmelden.
Da muss man angeben, wann man von A nach B fährt, welcher Zug genommen wird, wo man ankommt und welche Unterstützung man braucht. Oh, und ob man alleine reist oder mit Begleitung, mit Gepäck, mit was für Hilfsmitteln, …
Die Anmeldung kann man entweder im Reisezentrum oder online vornehmen.

Anfangs habe ich immer noch das Reisezentrum genommen. Dass ich inzwischen nichts mehr im Reisezentrum vormelde, liegt an meinen Erfahrungen mit manchen Mitarbeiter_innen dort. Damit, dass Menschen mit dem Formular nicht umgehen können, kann ich leben. Das kann man im Zweifelsfall erklären. Aber ich mag es gar nicht, wenn meine persönlichen Daten in der Lautstärke durch den Raum gebrüllt werden, die andere Leute sich für Rockkonzerte aufheben. Wenn die halbe Etage des Mainzer Hauptbahnhofs darüber informiert wird, wie deine Handynummer lautet, bist du nämlich vielleicht enttäuscht, dass dich danach keine fremde Person anruft.
Auch niedlich, wenn du in Berlin eine Langstreckendiskussion mit jemandem beginnen musst, ob du selbst zu bestimmen darfst, welche Hilfeleistungen aus dem Katalog du brauchst. Nachdem ich mich wiederholt dabei ertappt habe, zischend über den Schalter kriechen zu wollen, bin ich auf das Online-Formular umgestiegen.

Die Nummer, die Spaß verspricht

Das Online-Formular enthebt eine_n dieser Situationen. Sehr bequem. Solange es 24 Stunden vor Fahrtantritt ausgefüllt und abgeschickt wird, ist alles gut. Nur ist dann auch eine Sicherheit weniger da: Bei der persönlichen Buchung im Reisezentrum sagt dir die Person auf der anderen Seite, wenn deine Verbindung aus Sicht der Bahn ein Ding der Unmöglichkeit darstellt. Okay, vorausgesetzt, sie hat das Formular verstanden und kennt die Vorschriften der DB zur Beförderung von Menschen mit Rollstuhl. Wenn du das Formular selbst ausfüllst, muss dich jemand anderes über die Unmöglichkeit deiner Verbindung informieren.

Das macht die Mobilitätsservicezentrale. Die schicken dir im besseren Fall nur drei SMS. Mit den sinngemäßen Inhalten:
„Hallo, wir haben Ihre Fahrt angemeldet!“
„Hallo, Ihre Fahrt ist bestätigt!“
„He, Sie wollen in 24 Stunden fahren und wir erinnern Sie daran!“
Bei Unmöglichkeiten oder fragwürdigen Bitten deinerseits ruft die MSZ an. DAS kann dann kreativ werden. Ich habe inzwischen ein ordentliches Repertoire an Parallelaktivitäten für diese Telefonate. Reicht von Level 1 (hektisches Kritzeln) über Level 5 (hochfrequentes Augenrollen) bis zu Level 10 (Kopf auf Tischplatte). Level 11 wäre eigentlich Valium. Aber ihr kennt das ja. Immer, wenn man hochpotente Beruhigungsmittel braucht, ist da nur Schokolade.

Das Problem an der MSZ ist, dass die Mitarbeiter_innen jwd sitzen und nicht wissen, wie die Züge aussehen, die du vor Ort benutzen willst. Und das kann ärgerlich werden, wenn sie den John Deere unter den Regionalverbindungen im Kopf haben und du weißt, dass dich ein Rasentraktor erwartet. Ich habe mal eine Ewigkeit lang versucht, einer MSZ-Mitarbeiterin zu erklären, dass eine S-Bahn hier in der Region normalerweise KEINE Zugbegleitung hat. Echt nicht.

Sie verstand nicht.
Ich verstand nicht, was daran unverständlich ist.
Sie: Aber ohne Zugbegleitung dürfe die Bahn doch nicht fahren.
Ich: Das ist eine S-Bahn, natürlich kann die ohne fahren.
Sie: Dann könne ich ja der_dem TF Bescheid sagen.

Witz, komm raus! TF (auch bekannt als Triebfahrzeugführer_innen) hocken in den S-Bahnen in einem abgetrennten Bereich, der nur über eine Stufe erreichbar ist. Vom Bahnsteig aus an die Scheibe zu klopfen fällt auch aus. Die ist zu hoch angebracht. Man kann irgendwo in der Mitte des Zuges einen Klingelknopf drücken und dann hoffen, dass jedwede TFs das erstens hören und zweitens gerade motiviert sind, aus ihrem Kabuff durch den Zug zu schlurfen.
Vorausgesetzt, man findet die Tür mit dem Knopf daneben rechtzeitig, wenn die S-Bahn nur eine Minute hält und dann weiterrauscht. Zitat eines anonymen TF: „Das ist SO scheiße schlecht konstruiert.“

Praxistipp:
1. So an den Bahnsteig stellen, dass TFs eine_n sehen dürften. In Fahrtrichtung vorne.
2. Bei Einfahrt der S-Bahn winken oder Laola-Wellen machen, falls möglich. Die Armbewegungen zu YMCA funktionieren auch. Am besten Pompoms oder ein großes Schild mitführen, falls die Arme nicht so beweglich sind.
3. Mitreisende bitten, die Tür zu blockieren, bis jemand aus dem Kabuff kommt und die Rampe auspackt. Oder den Kopf aus dem Fenster streckt und fragt, ob man mitfahren wolle.

Warten ist relativ

Die MSZ zeichnet sich meiner bisherigen Erfahrung nach durch zwei Dinge aus: Große Motivation gepaart mit einem bisweilen ebenso großen Mangel an Praxiswissen. Letzteres leider auch, was die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung angeht. Denn es scheint einen Haufen Menschen dort zu geben, die nicht wissen, dass Menschen mit Behinderung nicht alle Zeit der Welt haben. Ich reagiere inzwischen ausgesprochen unsachlich auf Ratschläge wie den, doch zwei Stunden Umweg zu fahren.

Weniger giftig, sondern nur bodenlos erstaunt bin ich, wenn Anmeldungen untergehen. Da stehste dann am Bahnhof und dich guckt an der Info eine ganz erstaunte Servicekraft an und weiß von nichts. Und ihre Kolleg_innen auch nicht. Wenn die sowas schon kennen, gibt es gerne ein kurzes Kopfschütteln, Seufzen und eine Entschuldigung für einen Fehler, den diese Servicekräfte gar nicht gemacht haben. Ansonsten werde ich angeblubbert, ob ich den Auftrag ausgedruckt dabei hätte. Gefolgt von der Behauptung, dann hätte ich mich wohl nicht angemeldet.

Meine persönliche Verschwörungstheorie dazu ist, dass die Anrufe der MSZ, die es vorher gegeben haben muss (sonst hätte ich keine SMS bekommen), in einem grässlichen Paralleluniversum gelandet sind. In diesem Paralleluniversum landet alles, was bei der Bahn nicht funktioniert. Es gibt dort jede Menge Wartezeit, damit Dinge verrosten, verrutschen oder sich verkeilen können. Es existieren praktisch gar keine Oberleitungen, oder wenn, dann als abstrakte Kunstinstallation. Sämtliche Wände bestehen aus kaputten Fahrstuhlkabinen. Weil die Züge alle kaputt sind, bewegt man sich in Hubliften fort, in denen Servicekräfte mit toten, sirrenden Funkgeräten an der kaffeeverkleckerten Hose eine_n von einem ausgefallenen Getränkeautomaten zum nächsten staken. Gelegentlich ertönen unverständliche Durchsagen unter Rückkopplungspfeifen, die allen lediglich mitzuteilen scheinen, sie befänden sich gerade am falschen Ort im Raum-Zeit-Gefüge.

Spontan

24 Stunden vertragen sich nicht mit meinem Studium, nicht mit meinem Job und mit meinem Privatleben erst recht nicht. Also fahre ich meistens unangemeldet und ohne Beförderungsgarantie. Und ich bin damit nicht allein. Viele Pendler_innen mit Rolli, die ich treffe, fahren auch spontan.
Selbst, wenn das wie bei mir vor der Voraussetzung geschieht, ohne Servicekraft nicht auf dasjenige Gleis zu kommen, von dem dein Zug fährt, weil just dieses blöde Gleis nicht alleine zugänglich ist.
Selbst, wenn das außerdem heißt, dass die Nummern „deiner“ 3S-Zentralen ganz oben im Telefonverzeichnis sind.
Selbst, wenn dann jeder Arbeitstag mit ein bisschen Nervenkitzel anfängt, ob du überhaupt auf der Arbeit ankommst.

Die Gründe für das Spontanfahren variieren leicht. Aber die beiden, die mir am häufigsten genannt werden, sind:
a) 24 Stunden sind mit dem Alltag nicht vereinbar.
b) Die MSZ hat in der Erfahrung der Leute zu oft Fehler gemacht und mehr Stress verursacht als genützt.
Die Servicekräfte, die ich öfter treffe, kennen die beiden Gründe. Und machen mich deshalb auch nicht blöde an, weil ich unangemeldet fahre. Sondern stopfen die anderen Pendler_innen und mich nach Kräften zwischen ihre angemeldeten Aufträge. Es gibt zwei, drei Leute, die konstant genervt von meiner Spontanfahrerei sind und mich jedes Mal von Neuem mit: „Sind Sie vorgemeldet?“ begrüßen. Nur, um auf mein „Schönen Abend auch! Was meinen Sie?“ samt Augenaufschlag hin genervt grunzen zu können. Die restlichen 20 + x an „meinen“ Bahnhöfen versuchen, es hinzubiegen. Und sie behandeln mich korrekt. Scheint bei den anderen Pendler_innen auch zu funktionieren. Jedenfalls, soweit ich es mitbekomme, wenn sich unsere Wege kreuzen.

Unechte Lösung

Vermutlich, weil sich alle Beteiligten einigermaßen einig sind. Darüber, dass 24 h Anmeldung im Voraus mit Alltagsfahrerei nicht gut vereinbar sind. Und das, was dann bleibt, ist, dass alle das Beste draus machen. Es bringt den Servicekräften nichts, wenn sie uns blöde anmachen. Wenn sie Zeit haben, ist es ihr Job, uns zu unterstützen. „Sie könnten ja auch ne Mutter mit Kinderwagen sein, die sich bestimmt nicht angemeldet hat.“, meinte ein Rotkäppsch neulich. Ich mache umgekehrt die Servicekräfte nicht zur Sau, wenn keine_r Zeit hat (was bisher ungefähr zweimal vorgekommen ist) oder jemand noch nicht weiß, dass ich mich nicht schieben lasse.
Das ist nicht überall selbstverständlich. Leider. Manchmal darf ich mir an fremden Bahnhöfen von Passant_innen helfen lassen, die die anwesende Servicekraft zu Recht mit WTF-Blicken bedenken. Meiner Meinung nach: Zu Recht. Nach Meinung der offiziellen DB-Statuten verhält die Servicekraft sich dann gerade sehr korrekt.

Korrekt nach der offiziellen Lösung der Bahn, die nunmal 24 h vorher eine Voranmeldung vorsieht. Und die Kommunikation mit der MSZ. Wenn eine Lösung so offenkundig für viele Kund_innen KEINE Lösung darstellt, könnte man darüber nachdenken, eine tatsächliche zu finden. Ich hätte da ein paar Vorschläge:
– Genug Servicekräfte einstellen, damit Spontanfahrer_innen, die spätestens 30 Minuten vorher auftauchen oder sich telefonisch oder per SMS melden, immer unterstützt werden können. Das hieße, je Bahnsteig immer Servicekräfte im Dienst zu haben. Und für kleinere Bahnhöfe Menschen anstellen, die innerhalb von 30 Minuten da sein können. Dann hätte sich die Voranmeldezeit wirklich drastisch reduziert, noch bevor alles alleine zugänglich ist.
– Die Technik für sich entdecken und dafür sorgen, dass Bahnsteige grundsätzlich alleine erreichbar sind. Pssst, es gibt Plattformlifte, die einiges an Gewicht tragen können. Oh Wunder, es gibt Rampen. Sogar Rampen IM Zug, die höhenvariabel sind, wie bei den Doppelstock-Regios. Es gibt Hublifte, die elektrisch laufen. Wo niemand drauf herumhüpfen muss wie ein Rumpelstilzchen, damit sich die Besatzung auf Zugniveau begeben kann.
Es gibt garantiert schon geniale Lösungen in den Schreibtischschubladen talentierter Technikfans. Was fehlt, ist die Umsetzung.

Egal, welcher Weg besser befahrbar aussieht: Die 24-h-Anmeldepflicht ist in der Praxis so realitätsferner Zirkus, dass ich sie gerne für eine Fahrt in die Vergangenheit der Bahn anmelden würde. Auf Nimmerwiedersehen. Ohne Rückfahrt. Aber dafür mit Begleitung zum Ausgang.

Fernverkehr und Fernsichtbrille

Da ist doch noch Platz!

Gestern wurde ich auf dem Bahnsteig von einer Zugbegleitung angesprochen. Wo ich denn hin müsse. Ich nannte meinen Zielort und fragte, warum sie frage. Ob sie auch auf die Regionalgurke warte. Manchmal sind die wartenden Zugbegleitungen nämlich die, die auf den Zug müssen, mit dem ich auch fahren. Das ist praktisch, dann wissen sie direkt Bescheid, dass ich unangemeldet mitfahren möchte.

Die Zugbegleitung grinste und meinte, nein, sie gehöre zum Fernverkehr. Der um einiges eher eintrifft als der Regio. Dann fragte sie, ob ich mitfahren wolle. Huch? Aber immer! Sie meinte, sie würde mich doch wohl noch unterbringen. Im Fernverkehr. Ich bedankte mich begeistert und fragte versuchsweise, ob sie Geburtstag habe oder so. Nö. Da hatte jemand beschlossen, es sei blöd, einen Menschen mit Rolli in der Kälte auf den Regionaldampfer warten zu lassen, wenn doch Platz im Zug ist. Der Mensch organisierte mit ein paar spontanen Telefonaten, dass ich im Zug lande, mitfahren kann und auch wieder raus komme. Eine Stunde eher daheim!
Die Bahn ist und bleibt überraschend. Wenn sie mit guten Überraschungen glänzt, dann, weil einzelne Menschen beschließen, cool zu sein.

Ganz langsam

So ganz daheim war ich noch nicht. Es gab da noch ein paar neue Gläser für die Brille zu organisieren. Als ich in den Laden rollte, sah ich weiter hinten meine Lieblingsoptikerin. Die hat den Titel deshalb, weil sie einen ausführlichen Sehtest mit mir überstanden hat, ohne die Nerven zu verlieren. Sowas kann kompliziert sein. Wie kriegen Menschen es hin, die Zahlen nach dem Test des einen Auges zu vergessen, wenn mit der anderen Seite die gleiche Reihe abgelesen werden soll? Und wer hat sich diese schwammigen Fragen danach, was „besser“ sei, ausgedacht?

Leider war die Lieblingsoptikerin gerade beschäftigt. Ein paar Menschen warteten. Ein Optiker erschien mit einer Brille in der Hand und bückte sich zu mir herunter: „So…hier ist dann Ih-re Bril-le auch wie-der…“ Hä? Mensch, ich hab meine Brille auf der Nase. Sieht man wohl nicht. „Die war nicht für mich.“ Großes Erstaunen!
Leider war der Optiker aber für mich. Als die wahre Person gefunden worden war, deren Brille der Typ mir gerade überreichen wollte.

Humanbiologie für Anfänger_innen

„Wie…kann…ich…Ih-nen…hel-fen?“ Oh, nein. Da der Optiker mit der Person vor mir in normaler Geschwindigkeit, Lautstärke und Deutlichkeit gesprochen hat, haben wir wohl einen Fall von Klischees Nr. 7 und 8.. Live und in Farbe. Genau das, was man zu Feierabendzeiten braucht. „Dann las-sen Sie uns mal zu mei-nem PC ge-hen. Dann kann ich se-hen, was Sie jetzt für ei-ne Bril-le ha-ben.“ In diesem beruhigenden Säuselton, der eigentlich bölkenden Babies und nervösen Huftieren vorbehalten ist.

Ist nachvollziehbar, was? Wer Sehschwierigkeiten hat, hört auch automatisch schlecht. Das liegt daran, dass die Augen und die Ohren bei Rollifahrer_innen keine eigenen Funktionssysteme aufweisen, sondern quasi das gleiche Sinnesorgan sind. Genau wie bei Nase, Zunge und Tastsinn. Wenn Sie Nervenschäden in den Füßen haben, können Sie sich in den tauben Fuß beißen und schmecken auch gleich Ihre Wollsocke nicht mehr. Faszinierende Humanbiologie!

Menschen, die im Rolli sitzen, verstehen auch alle keine Wörter mit mehr als zwei Silben. Aber sie regen sich ganz schnell auf, wenn man nicht beruhigend auf sie einredet. Das liegt an den Rädern der Rollis: Weil wir körperlich mit unseren Lebensabschnittsgefährten verbunden sind, füllen wir die evolutionäre Lücke zwischen Mensch und Brauereipferd. Sie müssen uns beruhigen, sonst gehen wir durch. Wiehern laut und rasen davon, eine Spur der Verwüstung hinterlassend. Wenn man sich dieses Gesäusel zu lange anhören muss, gerät man tatsächlich in Versuchung.

Muss ja nicht

Der Optiker gab meine neuen Werte ein und klickte sich durch die Bestellmaske. Ich sah ihm misstrauisch unter dem Arm durch. Zum Glück: Er klickte, ohne mich zu fragen, das Kästchen für „Versicherung“ raus. Das wäre ganz schön ungünstig. Wie seine Kollegin weiter hinten im Laden ihm hätte sagen können, leben meine Brillen gefährlich. Das kommt vor, wenn du eine Brille für Geschwindigkeitsjunkies bist, die sich mit dem dreidimensionalen Raum nicht immer gut vertragen. „Könnten Sie die Versicherung bitte wieder eintragen?“ – „Was?“ Stimmt, „Versicherung“ hat mehr als drei Silben. Vielleicht war auch nur überraschend, dass ich lesen kann. Die Versicherung wird wieder eingetragen.

Dann muss der Mann mit meiner Brille kurz in die Technikecke verschwinden. Als er mich um die Brille bittet, scheint er zu befürchten, dass ich ihn jetzt verfolgen werde. Sonst müsste er mir nur einmal erklären, warum er die jetzt nach hinten mitnehmen muss. Und nur einmal versichern, dass er sie mir auch zurückbringt. Geh mit G*tt, aber geh!, denke ich. Seine Kollegin kommt vorbei. „Na, alles gut?“ Ich schlucke das: „Kannst du deinem Kollegin kurz ausrichten, dass ich älter als fünf Jahre bin?“ runter.

Nach einer angenehmen Ruhepause kehrt der besagte Kollege zurück. Gibt mir die Brille wieder, den Bestellschein und…hält mir eifrig die federleichte Tür auf. Was für ein passender Abschluss für den Besuch. Nächstes Mal warte ich darauf, dass die Lieblingsoptikerin frei wird.