Es geht nicht um Kekse.

Jetzt hat der Lehrer_innenverband dafür plädiert, Inklusion „pausieren“ zu lassen. Boah. Echt?
Stellen Sie sich mal vor, was wäre, wenn jemand beschlösse: Es koste generell zu viel Zeit, auf die Grundrechte anderer Leute Rücksicht zu nehmen.
Fanden Sie es schon immer scheiße, auf rote Ampeln Rücksicht zu nehmen?
Eine_n Ihrer Kolleg_innen nicht zwingen zu können, gefälligt den Job zu wechseln und endlich in die Feinmechanik zu gehen und dann dauerzuständig für den ewig schrotten Bürodrucker zu werden?
Dass Sie nicht einfach mal die Bücher Ihrer Nachbar_innen entführen und bei sich zuhause im Wohnzimmer einquartieren dürfen?
Oder die Post anderer Leute lesen dürfen?
Das ist alles verboten. Aus guten Gründen.
Es wäre nämlich, selbst, wenn Sie rücksichtslos genug wären, das oben Genannte heimlich für eine schöne Aussicht zu halten, nicht mehr toll. Wenn SIE plattgefahren werden. IHR Job plötzlich nicht mehr Ihre Wahl ist. Das Bücherregal in IHRER Wohnung plötzlich leer, der Teppich dafür voller dreckiger Pratzen ist. Und Sie ganz genau wissen, dass Sie KEIN Recht darauf haben, dass Ihre Post, Ihr Pornokonsum und Ihr sonstiges Privatleben bei Ihnen (und der Post, Ihrem Internetanbieter und sonstigen lustigen Gestalten angewandten Datenbesitzes) bleiben.

Keine Kekse

Bei der schulischen Inklusion geht es NICHT um Kekse für verwöhnte Kinder. Da geht es um Grundrechte. Wie in den Beispielen oben. Wie, Sie wollen Ihr Recht auf Privatsphäre wahrnehmen? Sie wollen, dass Ihre Würde unantastbar bleibt? Dann verlangen Sie bitte nicht, dass Kindern wegen einer Behinderung bestimmte Möglichkeiten nicht geboten werden. Tut mir leid, aber so funktioniert ein Rechtsstaat. SIE haben Rechte. Die andere aber auch. Sie sind darauf angewiesen, dass andere Ihre Rechte wahren. Die anderen sind auch auf Sie angewiesen. Wenn Sie anfangen, mit zweierlei Maß zu messen und zu sagen: „Mei, das Kind is behindert, das kriegt halt nicht die gleichen Möglichkeiten geboten [weil…]“, missachten Sie §3 (3) des Grundgesetzes. Warum sollten andere dann auf Sie Rücksicht nehmen und nicht Ihre Briefe lesen und den Inhalt in die sozialen Netzwerke klatschen? Wie sind Sie drauf, wenn Sie anderen Menschen (Überraschung: Kinder sind Menschen!) Grundrechte absprechen?

Das sind Rechte, die sicherstellen sollen, dass Menschen gut miteinander leben können. Ohne wie Ego-Ärsche nach dem Recht der Stärkeren drauflos zu prügeln. Gucken Sie sich nochmal kurz im Spiegel an: Glauben Sie, Sie würden jede Prügelei gewinnen? Glauben Sie, Sie wären dann auch noch in der Lage, selbst für sich sorgen zu können? In einer Welt, in der Ihnen niemand das verstopfte Klo entstopft, niemand einen Supermarkt mit Essen vor die Nase stellt und Ärzt_innen Ihnen helfen, wenn Sie – tadaa – von alleine nicht wieder gesund werden? Nein? Na also.

Wenn es um schulische Inklusion geht, geht es um Kinderrechte. Um Menschenrechte. Und um eine UN-Behindertenrechtskonvention. Die Deutschland zu oft und schon viel zu lange ignoriert. Weil hier zu viele Menschen nicht verstehen, dass Menschen mit Behinderungen die konsequente Umsetzung dieser Konvention brauchen, damit die ganz normalen anderen Rechte greifen können. Wie gesagt: Es geht hier nicht um Kekse. Es geht hier um die Basis unseres Zusammenlebens. Es geht darum, dass Menschen in unserer Gesellschaft ihre Rechte in Anspruch nehmen können. Wenn Sie das für sich wollen, sprechen Sie das anderen nicht ab. Auch nicht dann, wenn es um Bildung geht.

In unserer Gesellschaft ist Bildung fundamental wichtig. Ohne ein Mindestmaß an Bildung können Sie nicht ohne dauerhafte Unterstützung für sich sorgen. Ohne Bildungsabschluss ist das mit der freien Berufswahl eine Lachnummer. Ohne Bildungsabschluss haben Sie gute Chancen, eine karrierelose Karriere in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung aufzunehmen. Raúl Krauthausen hat auf seinem Blog nicht nur in seinen „Jahresendgedanken“ 2017 Lesenswertes zu Schulbildung und Berufstätigkeit von Menschen mit Behinderung geschrieben. Es geht anders. Anders als Sonderschule und Exklusion.

„Wo gehst du zur Schule?“

„Wo gehst du zur Schule?“, ist eine meiner Lieblingsfragen von Unbekannten. Ich besuche die wilde Schule des Öffentlichen Personennahverkehrs. Eine bessere Vorbereitung auf die Merkwürdigkeiten in einer Gesellschaft wie unserer gibt es gar nicht. Zugegeben: Nein, eigentlich hasse ich die Frage. Und die Reaktionen auf meine Antwort.
Dass ich die Regelschule längst hinter mich gebracht habe, überrascht Menschen regelmäßig. Dass es eine Regelschule war, auch. Wenn sie so weit kommen mit ihren Fragen. Und sich trauen. Denn neben „Arbeitest du (auch) in einer Werkstatt?“ ist die Annahme, ich würde eine Förderschule besuchen, nicht besonders selten. Es muss immerhin einen Grund haben, dass ich an Arbeits-…, äh, Schultagen so weit fahre und mich auf’s Wochenende freue.
Dass ich womöglich schon einen Hochschulabschluss habe und lustig weiterstudiere, ist sogar dann unglaublich, wenn ich Merchandise meiner Hochschule mitschleppe. DANN fragen mich Leute, ob meine Geschwister oder Eltern da studieren oder arbeiten. Völlig unglaublich, so ein offenkundig behinderter Mensch und dann Studium. Doch, gibt’s. Weil ich mein Abi machen konnte.

Ich habe eine Abschluss auf einer Regelschule gemacht. Die hatte nicht „Inklusion“ irgendwo fett als special Gütesiegel. Warum das geklappt haben dürfte?
– Weil es normal war, dass Schüler_innen mit und Schüler_innen ohne Behinderung in einer Klasse waren. In meiner Klasse waren geschätzt 25 % der Schüler_innen behindert oder chronisch krank „genug“, um das per Ausweis bestätigt zu kriegen. Ich glaube, so einen Ausweis hatten ungefähr zwei. Dass das etwas Besonderes sein könnte, habe ich erst gemerkt, als ich in einem Sonderpädagogik-Seminar saß und hörte, wegen was für Behinderungen und Erkrankungen Schüler_innen hier zulande im Augenblick in Fördergeschichten landen.
– Weil der Unterricht an die Schüler_innen angepasst wurde und nicht andersherum. Die Schule war nicht barrierefrei. Wenn Schüler_innen manche Räume nicht erreichen konnten, war klar, dass der Unterricht so umgelegt wird, dass er in erreichbaren Räumen stattfindet.
– Weil die Schulleitung die Schüler_innen ernst genommen hat. Auch als „Verhandlungspartner_innen“. Als ich nach einer Ewigkeit im Krankenhaus wieder in den Unterricht konnte, hat die Schulleitung mit mir besprochen, wo ich Probleme erwarte. Und gesagt, wo sie sich Sorgen macht. Und dann haben wir zusammen geguckt, wie es trotzdem klappen kann. Die Schulleitung brauchte Zusicherungen meinerseits, ich brauchte welche von der Schulleitung. Es hat funktioniert. Mit einer Ansprechpartnerin-Lehrerin für mich. Mit bestimmten Freiheiten und bestimmten Pflichten. Aber die hatten einen Sinn, den die Schulleitung mir erklären konnte.
– Weil die Schule sich konsequent für die Schüler_innen eingesetzt hat, soweit ich das mitbekommen habe. Im Zweifelsfall auch mal gegenüber dem Jugendamt, wenn das seine Klient_innen gerne in Sonder-Förder-Strukturen verfrachten möchte.

Die Schule war kein vergoldetes Nest am Ende des Regenbogens. Es war eine staatliche Schule mit zu großen Klassen. Mit schönen und beschissenen Sachen. Aber was diese Schule rückblickend von dem unterscheidet, was ich in dem Wunsch des Lehrerverbandes lese, ist eine Haltung. Wenn es um den Kontext von Behinderungen oder chronischen Erkrankungen geht. Nämlich die, dass da in erster Linie viele einzelne Schüler_innen sind, die an der Schule sind, um zu lernen. Und, dass die Schüler_innen im Großen und Ganzen am Ende einen Abschluss machen wollen, pubertäre Bocklosigkeit mal ausgenommen, und die Schule sie da hinbringen will. Und deswegen beide Seiten irgendwie motiviert sein werden, Lösungen zu finden.
Zwischen dieser Haltung und einem kollektivierenden „Bloß keine Sonderarbeit!“ liegen Welten. Rückblickend: Meine Schule war inklusiv. Einfach so. Ja, das hieß für die Lehrkräfte manchmal mehr Arbeit. Zwei Aufgaben vorbereiten anstelle von einer. Sich Nachteilsausgleiche reinziehen und verstehen müssen, was die jetzt jeweils bedeuten. Mehr Gespräche. Mehr Schüler_innenbiographien kennen müssen. Das hieß vor allem auch für die Schulleitung mehr Arbeit. Die war es, die mit den Schüler_innen, den Lehrer_innen, den Eltern, Betreuer_innen und Ärzt_innen und eben manchmal auch dem Jugendamt geredet und nach individuellen Lösungen gesucht hat. Aber es hat oft funktioniert und es hat so funktioniert, dass sich das vermeintlich große Mehr an Arbeit verteilt hat. Und chronische Erkrankungen und Behinderungen für eine Menge Kinder und Jugendliche nicht „komisch und weit weg von meinem Leben“ bedeutet haben.

Mal Pause mit der Inklusion?

Wenn der Lehrer_innenverband jetzt die Inklusion aussetzen will, zieht er meines Erachtens die falschen Schlüsse.
Es gibt üble Arbeitsverträge für Lehrer_innen, um sie während der Sommerferien nicht bezahlen zu müssen. Es gibt, wie ich über ehemalige Kommiliton_innen aus anderen Fächern mitbekomme, die Tendenz, vor Arbeitskräftemangel im Lehrer_innenzimmer Arbeit an Referendar_innen abzuwälzen. Die dann plötzlich ein Schuljahr lang 80-Stunden-Wochen haben. Das ist unmenschlich. Die Leute, die ich kenne, sind kreuzunglücklich, wenn sie sich unter solchen Bedingungen um einzelne Schüler_innen nicht mehr kümmern können. Schüler_innen, die individuelle Lösungen dringender brauchen als andere. Und das ist übrigens öfter mal nichts, was mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen von Schüler_innen zu tun hat. Vorausgesetzt, in diesem Fall kriegen die Kinder nicht irgendwann ein Etikett angepappt, weil die Schule zu wenig Kapazitäten hat, um ihren Sozialisationsjob zu machen. Der auch Teil der Sache ist.

Es gibt Sonderpädagog_innen, die gezwungen sind, sich um zu viele Schüler_innen zu kümmern, weil Lehrkräfte sich nicht die fünf Minuten nehmen wollen oder eben können, die es bräuchte, eine individuelle Lösung für etwas zu finden. Es gibt auch Sonderpädagog_innen, die sich an Förderschulen wiederfinden und da fast wahnsinnig werden, weil sie als Expert_innen plötzlich vor einem heterogenen Haufen Schüler_innen sitzen und sich auch da wieder nicht so um die Kinder kümmern können, wie sie es eigentlich wollen. Das ist alles übel. Es ist übel, wenn man Leuten im Ref zugucken kann, wie sie immer fertiger sind. Oder man eben nicht mehr zugucken kann, weil sie einfach keine Zeit mehr für ihr Privatleben haben.

Die falsche Antwort

Aber als Antwort darauf zu beschließen, ein Sonderschulsystem wieder zu pushen und die Inklusion auszusetzen? Das kann nicht ernstgemeint sein. Da ist Lehrer_innenmangel. Es gibt auf Staats-, Landes- und gesellschaftlicher Ebene ein Wertschätzungsproblem von Bildungs- und Erziehungsarbeit. Das fängt in der Lehrer_innenbildung an, geht im Referendariat weiter und reicht dann eben bis dahin, dass die Leute, die sich um Kinder kümmern, zwischendurch einfach nicht bezahlt werden, weil Schulferien sind.
Wenn eine Gesellschaft und vor allem ein Staat bzw. die Länder als Bildungszuständige Lehrer_innen nicht die notwendige Anerkennung dafür zollen, dass sie Kinder gleichzeitig bilden und erziehen sollen, ist das ein ganz schönes Armutszeugnis. Das ungefähr besagt, dass ziemlich vielen Leuten Kinder und Jugendliche ziemlich scheißegal sind. Oder jedenfalls nicht so wichtig wie andere Haushaltsposten.

Wenn Verbände darauf damit reagieren, eine riesige, heterogene Gruppe von Schüler_innen aus dem Regelsystem schicken zu wollen, weil deren Bildung und Erziehung pauschal besonders anstrengend sein soll, ist das aber auch ein Armutszeugnis. Das ungefähr besagt, dass das mit dem Recht auf Bildung und den vielen anderen, oben erwähnten Gesetzen für den Lehrer_innenverband kein Teil der eigenen Haltung ist. Und das tut weh. Das erinnert mich an Szenen, in denen ein sechsjähriges Kind von einem zehnjährigen geschlagen wird und darauf reagiert, indem es ein vierjähriges Kind kneift. Statt loszugehen und sich Hilfe bei Erwachsenen zu holen. Der Lehrer_innenverband ist aber kein Kind. Da wäre die Chance zu Verbündung. Anstelle des Rufes nach Selektion, der nichts für die Lehrer_innen verändern wird. Denn die Klassen werden zu voll bleiben, die Verträge zu kurz und die Arbeitszeit pro Woche zu lang.

Der Verband könnte stattdessen zusehen, dass er sich mit den Eltern, Kindern und Jugendlichen zusammentut und zusammen mit ihnen einfordert, dass seitens der Länder mehr Wertschätzung für die Arbeit gezeigt wird. Soviel Wertschätzung, dass Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen da sind, unter denen gute Arbeit geleistet werden kann. Jetzt. Nicht übermorgen. Gemeinsam. Für die Schüler_innen und mit ihnen. Inklusiv. Für gute Abschlüsse. Und damit eine freie Berufswahl. Das wäre im Sinne aller Beteiligten.
Faszinierenderweise auch im Sinne all derer, die sich im Augenblick trotz ihrer beruflichen Positionen viel zu wenig dafür interessieren, dass an staatlichen Schulen gute Arbeit möglich ist. Denn, wie ein Mathelehrer zu meiner Schulzeit bisweilen der Klasse verkündete: „Ihr sollt das hier verstehen. Ihr sollt nämlich später mal meine Rente zahlen können.“

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